Text schreiben

“Können Sie schnell mal einen kurzen Text für mich schreiben?”

Text schreiben – schnell, knapp und gut: Für einen Werbetexter sollte das ein Leichtes sein, oder? Und tatsächlich, wenn ein Kunde, für den ich schon eine Website oder einen Flyer gebaut habe, von mir im Nachgang noch einen kurzen Text haben will, fließt dieser relativ mühelos aus mir heraus. In diesen Fällen habe ich mich schon intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt und kenne mich aus.
In vielen anderen Fällen ist es aber eher schwer. In diesem Artikel erfahren Sie, warum.

Ein Text ist nicht nur eine Ansammlung von Worten.

Beim Text schreiben verfolgt man eine bestimmte Absicht: Man will z.B. etwas von sich mitteilen. Man will jemanden um etwas bitten, etwas erklären, man will vielleicht etwas verkaufen oder jemanden dazu bringen, eine bestimmte Handlung in einer ganz bestimmten Weise zu vollziehen.

Die meiste Arbeit beim Texten besteht im Denken.

Die Arbeit besteht darin, genau zu wissen,
1) was man sagen will,
2) in welcher Reihenfolge man die Inhalte sinnvoll strukturiert,
3) wem man es sagen will,
3) wie man sich ausdrücken muss bzw. wie man den Text präsentieren muss, damit der Leser interessiert ist,
4) welche Worte und Bilder man verwenden muss, damit der Leser den Text versteht,
5) was der Leser tun soll, wenn er den Text gelesen hat.

Beispiel Bedienungsanleitungen für Unterhaltungselektronik auf einem Flugzeug: Mein Mann arbeitet bei einer Fluggesellschaft. Im Rahmen seiner Tätigkeit schreibt er häufig für das Flugpersonal Betriebsanleitungen für neue Unterhaltungselektronik. Die Flugbegleiter müssen die Betriebsanleitungen lesen, weil sie sich mit der Unterhaltungselektronik auskennen und auftretende Störungen beseitigen müssen. Die Unterhaltungselektronik muss funktionieren, denn sie wird mitgebucht.

Aber die Flugbegleiter sind eigentlich froh, wenn sie nicht ständig etwas lesen müssen. Die Betriebsanleitungen müssen also so geschrieben sein, dass der normale Flugbegleiter von nebenan sie sofort versteht und umsetzen kann. Dies bedeutet, dass man vor dem Texten viel Denkarbeit leisten muss, damit der Text so einfach wie möglich zu lesen und zu verstehen ist, und damit man das Gelesene sofort anwenden kann. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass der Flugbegleiter den Text ja sowieso lesen muss und ihn ja schließlich auch mehrmals lesen kann, wenn er ihn beim ersten Mal noch nicht kapiert. Denn wenn der Flugbegleiter ihn nicht kapiert und infolgedessen nicht anwenden kann, kommt er vielleicht mit der Elektronik nicht zurecht. In der Folge ist er gestresst und unfreundlich zu den Passagieren – blöd, falls er auch noch in der Business Class eingesetzt ist.
Er ist nicht in der Lage, dem Passagier das Programm zu bedienen, zu erklären bzw. eine Störung zu beseitigen. Betroffene Passagiere sind ärgerlich, weil sie nicht gucken können – und fliegen beim nächsten Mal mit einer anderen Airline.
Der Texter – in diesem Fall mein Mann – muss beim Schreiben genau wissen, wie die Elektronik funktioniert und wie er die Funktionsweise möglichst einfach erklärt. Idealerweise vergegenwärtigt er sich auch die geistige und emotionale Verfassung des Flugbegleiters im Zeitpunkt des Lesens: Lesen die Flugbegleiter solche Texte eher vor oder nach einem Flug, zu Hause oder vielleicht erst während eines Fluges? Sind sie frisch und ausgeruht oder abgekämpft und genervt?

Man muss sich beim Schreiben in den Leser einfühlen, um zu erspüren, in welcher Lebenssituation er gerade sein könnte. Man muss sich über das Medium klar sein: In welcher Umgebung steht der Text? Liest der Leser ihn freiwillig oder gezwungenermaßen? Es empfiehlt sich, nicht zu eng am Wort zu kleben, sondern immer wieder nachzudenken bzw. zu fühlen, wie die Worte klingen, die man verwenden will. Auch die Betonung ist wichtig: Ergibt sich die Betonung zweifelsfrei aus dem Satzbau, oder muss man den Satz zweimal lesen, um ihn zu verstehen? Wie viele Worte kann man weglassen, ohne dass der Sinn sich ändert?

Je kürzer ein Text, desto mehr Arbeit steckt drin!

Kurze Texte dauern – relativ gesehen – am längsten: Wenn ich nur drei Zeilen zur Verfügung habe, muss ich genau überlegen, was ich schreibe. Auf einer Internetseite habe ich kaum Beschränkungen, aber in einer Anzeige muss jedes Wort zehnmal abgewogen werden.